»Nichts ist wichtig. Dazu ist die Welt zu groß«

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IT&W-V07. 9148 Beiträge, 29413 Kommentare. Born May 2001, still going strong. � TextLab 2004

::: 23. Sep. 2005

Zur�ck
 :: Strohfeuer.de  Eine Geschichte aus der New Economy, von Sascha Lobo

imageProlog: Jeder hat seine eigene New Economy. Meine ist jetzt 15 Jahre her (Bild rechts - vorher und nachher). 15 Internetjahre. Ende 1999 bekam ich nicht nur meine erste Mailadresse, sondern lauschte auch dem Univortrag des Vorstands eines Internetshops, spezialisiert auf Macs. Er sprach von Internetjahren, die viermal so schnell vorbeigingen wie echte Jahre. Er zeigte uns ein Chart mit steil ansteigenden Umsätzen – weil sie kumuliert dargestellt waren, also aufaddiert. Durchschaut hat das kaum jemand. Ich zum Beispiel überhaupt nicht, denn ich war 24 und hatte bis auf ein überhöhtes Selbstbewusstsein, gespeist aus Aktivitäten in einem Studentenverein, kaum etwas im Erfahrungsgepäck. Trotzdem begann für mich wenig später eine irrwitzige Reise quer durch die New Economy, von sechstelligen Monatsumsätzen mit 35 Mitarbeitern bis zur Insolvenzanmeldung unter lächerlichsten Umständen. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt zu betonen, dass ich trotz aller Widrigkeiten immer moralisch einwandfrei blieb. Das wäre nur leider eine Lüge. Mit dem Schwung des Erfolgs und erst recht mit dem Sog des Misserfolgs handelten wir sehr fragwürdig, um es vorsichtig auszudrücken. Apropos vorsichtig: Ich muss die Geschichte als frei erfunden bezeichnen, insbesondere die Stellen, in denen rechtlich Unangemessenes geschieht.

Teil 1, worin der jugendliche Held gezwungen wird zu arbeiten, und mit einfachem aber genialem Konzept die Welt zu erobern trachtet

Am 4. Januar 2000 hatte ich einen tosenden Jahrtausendwechsel hinter mir, sass in meinem Golf II und schaute meine Freundin an. Eine kurzsichtige Handlung, denn ich fuhr. Der linke Vorderreifen geriet an den Mittelstreifen aus Beton. Achsenbruch, Totalschaden. Aus Bequemlichkeitsgründen, meinem Hauptarbeitsantrieb, musste ich so schnell wie möglich Geld für ein neues Auto besorgen. Ich tat das Naheliegende und mogelte mich über einen Freund in eine Quizshow, Jeder gegen Jeden. Ich wurde in einem unspannenden Finale Zweiter und gewann statt der bereits verplanten 5.000 Mark eine Fahrgelderstattung (Bus). Die ernüchternde Erkenntnis: An echter Arbeit führte kein motorisierter Weg vorbei.

Auf einer Party traf ich Karsten, zwei Meter gross, ein windiger Halbvisionär mit Panoramablick (er schielt). Wir studierten beide Werbung. Stockblau versprach er, mich bei der schweizer Werbeagentur unterzubringen, in der er gerade angefangen hatte. Die Agentur suchte jemanden, der einen an die Werbeagentur angeschlossenen Universitäts-Inkubator aufbauen sollte. Im Gespräch behauptete ich, dass man dann an mir nicht vorbeikäme und brachte peinlich überzogene Bedingungen vor. Drei Tage vor meinem 25. Geburtstag im Mai fing ich einen Job als Berater an, für ein Jahresgehalt von 72.000 DM bei einer 4-Tage-Woche; ich versuche bis heute erfolglos zu rekonstruieren, was ich dem Geschäftsführer und der Personalerin erzählt haben muss. Bis zum Start des Inkubators sollte ich mich um die DotCom-Kunden kümmern. Ich hatte zwar nicht die allergeringste Ahnung vom Internet, aber ein Freund mit einer kleinen Agentur stellte mir ein Praktikumszeugnis aus. Das reichte. Es war von aussen betrachtet fast schmerzhaft klassisch.

Nach sechs Wochen wurde Karsten gefeuert, weil er versucht hatte, die Führungsschwäche in der Agentur auszunutzen. Ich kündigte, weil ich glaubte, von Karsten lernen könnte, schliesslich war er ein Unternehmertyp. Einer, der in der Zeitung gelesen hatte, dass der Französische Dom nicht zu besichtigen sei, der daraufhin ein Bewirtschaftungskonzept geschrieben hatte, den Dom zu einem Spottpreis von der Stadt gepachtet hatte und dann jahrelang monatlich fünfstellige Summen herauszog. Wir wollten zusammen eine Werbeagentur gründen, natürlich auch mit Inkubator, und schrieben dafür eifrig Konzepte. Karsten brachte Falk ins Spiel, einen schwulen Kreativen, der bei einem Kunden der schweizer Agentur arbeitete, der auch unser erster Kunde werden sollte.

Der Plan war einfach, aber hörte sich für uns genial an. Wir wollten zu den Venture Capital-Gebern gehen und sie um die Vermittlung ihrer Investments als Kunden bitten. Als Ausgleich wollten wir ihnen detaillierte Reports bieten und die Teilbezahlung in Aktien akzeptieren, so dass wir (klar!) ein eigenes Interesse am Wohlergehen der Firma hätten. Diesen Plan fassten wir in reichlich ausgeschmückte Worte, liessen uns von einer Freundin ein Corporate Design erstellen und hatten damit ein Konzept mit schmucker Metallringbindung für fünf Mark siebzig aus dem Copyshop. Damit alles mehr Hand und Fuss hatte, gründeten wir am 2. Juli 2000 noch schnell bei Notar Jürgen, einem Bekannten von Karsten, die LWK Werbeagentur GmbH (LWK stand für unsere Nachnamen, die ich hier nicht ausschreibe). Karsten, Falk und ich waren gleichberechtigte geschäftsführende Gesellschafter. Dass bereits Monate vorher Boo.com in die Pleite gestürzt war, nahmen wir zwar wahr, aber wir mussten das heisse Eisen schmieden!

Wer denn sonst!

[Fortsetzung folgt]

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Quelle:  |  by it&w |  10:40 Uhr  |   6x Senf     Permalink  |   per eMail versenden |