»Nichts ist wichtig. Dazu ist die Welt zu groß«

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IT&W-V07. 9148 Beiträge, 29413 Kommentare. Born May 2001, still going strong. � TextLab 2004

::: 27. Sep. 2005

Zur�ck
 :: strohfeuer.de (4)  Eine Geschichte aus der New Economy, von Sascha Lobo

Was bisher geschah: der jugendliche Held wird gezwungen zu arbeiten und trachtet danach, mit einfachem aber genialem Konzept die Welt zu erobern. Kaum begonnen, wird das einträgliche Treiben jäh durch zwei Maskierten mit einer Pistole kurzfristig unterbrochen. Die Agentur hat einen blauen VW-Käfer als Dienstwagen und ein Kompagnon wird mittels einer Schlafsack-Mahnwache ausgebootet.

Es folgt nun der Saga vierter und keineswegs letzter Teil, in welchem einem Kunden der Arsch gerettet wird, die Agentur hohe Rechnungen schreibt, bezahlt wird und daraufhin überschnappt. Der Held selbst leidet an Herzunregelmässigkeiten, nimmt innerhalb von drei Monaten 25 Kilo zu und kauft einen Dienstwagen für 160.000 DM.

imageIm Oktober bekamen wir einen Anruf von Uschi, eine der beiden, die ich vor dem Büro in der Kollwitzstrasse kennengelernt hatte. Sie hatte ihrem Exmann Norbert von uns erzählt, und der wollte sich uns mal ansehen. Er kam in einem 7er BMW mit Chauffeur. Er war Geschäftsführer und Minderheitsgesellschafter einer Unternehmensberatung mit 750 Mitarbeitern in ganz Deutschland. Mehrheitsgesellschafter war mit dem Thomson-Konzern (Unterhaltungselektronik, Waffen, anderer Krempel) indirekt der französische Staat, Arbeitsfelder waren Ostkontakte in die baltischen Staaten, SAP-Gedöns und die Ausnutzung alter DDR-Seilschaften. Wir führten Norbert, Anfang 50, herum, kotzten dabei zwar gross, aber taten ihm gegenüber beeindruckt bis untertänig. Noch während der Führung schlossen wir uns gegenseitig ins Herz:

Er war für uns ein Mentor, wir waren die Selfmade-Heisssporne, die er sich auch für seine Firma gewünscht hätte. Zwei Wochen später rief er an und fragte, ob wir Java könnten. „Klar“, schrieen wir in den Hörer und hatten an einem Donnerstagabend einen Auftrag und ein Problem. Am folgenden Montag um neun Uhr morgens sollte für die Deutsche Post ein Programmierer-Team, bestehend aus einem Projektleiter und zwei Codern, in Stralsund in Mecklenburg-Vorpommern sein.

Die Unternehmensberatung hatte der Post ohne den Hauch einer Ahnung blumige Versprechungen gemacht (Java war nach Aussage der Techniker die schlechtestmögliche Programmiersprache für den Job). Wir mussten der Rostocker Filiale, die die Post als einzigen Kunden hatte, den Arsch retten. Während Karsten mit den Beratern verhandelte, musste ich drei auch noch vorzeigbare Java-Programmierer besorgen, die mit einem Schlips umgehen konnten. Unser eigener IT-Chef Andreas konnte zwar buchstäblich alles (einmal lernte er über Nacht eine Programmiersprache), war aber in Berlin unersetzbar. Nachdem ich noch in der Nacht Hilfeschreie in alle Jobbörsen und Java-Foren absetzte, fuhr ich Freitag Mittag zur Informatik-Uni in der Franklinstrasse, stellte mich in den Flur und sprach einfach alle vorbeikommenden Nerds an. Als Überzeugungsmittel hatte ich mehrere tausend Mark in bar in der Tasche, ich bot in diversen Gesprächen neben einer Sofort-Barprämie bis zu 20.000 DM festes Monatsgehalt an – kein Ergebnis, niemand wollte für ein halbes Jahr nach Stralsund (vielleicht sollte sich Stralsund mal Gedanken um sein Image machen). Zum Schluss traf ich einen Bekannten, Informatik-Student, und trug ihm auf, jedem von diesem Jobangebot zu erzählen, der mal an einem Javabuch vorbeigelaufen wäre. Wir waren fest entschlossen, allerfrühestens am Montag um 8.59 Uhr telefonisch in Stralsund abzusagen.

Samstag Nacht erhielt ich einen Anruf von einem Thorsten. Nach zwanzig Minuten Verhandlung ging ich an den Rechner und schrieb einen sechsmonatigen Vertrag über 30.000 DM Monatshonorar. Per Fax tauschten wir Unterschriften aus und ohne dass ich Thorsten jemals gesehen hätte, gab er Montag morgen um 9.00 Uhr den Java-Projektleiter in Stralsund und tat so, als wäre er fest bei der Unternehmensberatung angestellt. Ihm zur Seite stand ein Zweitsemesterstudent aus Greifswald, der auf eine Anzeige in einem Forum reagiert hatte und den wir für 3.000 DM Gehalt anstellten, natürlich auch, ohne ihn gesehen zu haben. Zwei weitere Fachkräfte arbeiteten bei uns „selbstverständlich Vollzeit (anders nicht zu schaffen, was denken Sie denn?)“ in Telearbeit aus unserer Berliner Niederlassung zu. Noch im November produzierten alle gemeinsam eine Rechung von über 200.000 Mark, die per Barscheck anstandlos und termingerecht bezahlt wurde. Anfang Dezember ging ich zitternd zur Bank, um den Scheck gutschreiben zu lassen. In diesem Moment dachte ich, dass ich es für immer geschafft hätte. So einfach war also dieses „Business“, von dem alle immer sprachen. Im Dezember schrieb ich Rechnungen weit über 400.000 DM, die auch alle bezahlt wurden. Selbstverständlich schnappten wir komplett über – wozu allerdings eh nicht mehr viel fehlte.

Schon seit dem Herbst wollten wir Philipp, zuständig für PR, wegen mangelnden Engagements feuern, wollten wir jedoch seine Freundin Bianca um jeden Preis in der Agentur behalten. Sie war eine ebenso toughe und intelligente wie attraktive, rothaarige junge Frau. Sämtliche Kunden standen auf sie, auf jedem Branchentreffen wurde sie angesprochen, in vielen Fällen ergaben sich gute Kontakte und neue Aufträge. Ausserdem hatte sich Karsten in sie verliebt. Wir boten ihr 5% Anteile an. Sie nahm an und wenige Wochen später trennten wir uns von Philipp.

Mir selbst ging es schon im Herbst körperlich immer schlechter. Ich hatte komische Herzunregelmässigkeiten und nahm innerhalb von drei Monaten 25 Kilo zu.  Vor Anspannung konnte ich den ganzen Tag ausser Milchschnitten keinen Bissen essen und schlug abends umso heftiger zu. Im Dezember hatte ich in der Agentur einen Komplettzusammenbruch, kam aber schon zwei Tage später wieder in die Firma, vor allem, weil Karsten es verstand, enormen Druck auszuüben („Ruh’ Dich mal richtig aus, damit Du übermorgen wieder fit bist“). Er war der Motor, der mit brachialer, oft auch destruktiver Energie alles vorantrieb, während ich versuchte, die hinter ihm entstandenen Schneisen bei unseren Kunden verbal wieder zu kitten: Bad guy, good guy. Daniel kümmerte sich mit immerguter Laune um die Arbeit in der Agentur. Leider konnte er nicht im geringsten delegieren, blieb deshalb mindestens 16 Stunden am Tag im Büro und missbrauchte die Grafiker als Photoshop-Spracheingabe.

Zum Gesellschaftertreffen vor Weihnachten, dem ersten mit Bianca, wollten wir uns etwas gönnen, und zwar einen grösseren Firmenwagen. Karsten war Audi-Fan, konnte seine Meinung durchsetzen und so fuhren wir nach Bonn, wo ein Händler einen gebrauchten Audi A8 annonciert hatte. Zu Karstens grosser Empörung hatte der Wagen nicht das grosse Navigationssystem – wir konnten ihn deshalb selbstredend nicht leasen. Doch wir waren an einen alten Fuchs von Verkäufer geraten, der uns mit seinem herablassenden Verhalten dazu reizte, es ihm „so richtig zu zeigen“. Angekommen mit dem Wunsch, einen gebrauchten A8 zu leasen, gingen wir aus dem Autohaus mit den unterschriebenen Leasingverträgen für einen neuen A8 3.3 TDI – und zwei neuen Golfs für die Angestellten. Wir unterschrieben einen Kautionsscheck über 50.000 DM. Beim Zusammenstellen der Ausstattung freuten wir uns wie Kinder und buchten die komplette Sonderausstattung, bis auf den Fernseher im Navigationsmonitor und die Extrafelgen. Wir wollten nämlich bescheiden bleiben. Am Ende kostete nur der A8 fast 160.000 DM – mein erster Neuwagen.

[Fortsetzung folgt. Bald...]

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Quelle:  |  by it&w |  14:40 Uhr  |   6x Senf     Permalink  |   per eMail versenden |