IT&W-V07. 9148 Beiträge, 29413 Kommentare. Born May 2001, still going strong. � TextLab 2004
:: strohfeuer.de (7) Eine Geschichte aus der New Economy, von Sascha Lobo
Wir nähern uns nunmehr dem eigentlichen Höhepunkt der Geschichte, der ganz im Stil des klassischen Dramas auch ihr Ende ist. Aber noch ist es nicht soweit, und wir erleben den siebten Teil der Trilogie, in welchem der Held mit 200 km/h Durchschnitt die Schweiz durcheilt, eine Pfändung nur knapp vermieden wird und der alte VW-Käfer in tiefer Symbolik immer weiter verfällt… Die vorangehenden Teile finden sich hier...
m Sommer 2001 waren wir an einen schwierigen Punkt geraten. Der Juni hätte der erste Monat mit Unterdeckung werden können. Wir hatten aber einen Förderantrag bei der Investitionsbank Berlin gestellt, der nun zu unserer Überraschung ausgezahlt wurde. Mein alter Sandkastenfreund Patrick, den ich als Finanzchef eingesetzt hatte, bohrte immer wieder bei den zuständigen Stellen nach; offenbar hatten sie ausgezahlt, um uns loszuwerden. Die gut 80.000 Mark überbrückten zwar einen Monat. Wir begannen trotzdem eine Entlassungswelle, um uns gesundzuschrumpfen und verzichteten auf unser Gehalt. Das erste Mal spürten wir eine echte Gefahr für die Agentur. Während unserer Beratungen, wie es weitergehen könne, entdeckte ich Abrechungen der Firmenkreditkarte von Karsten. Er hatte heimlich einen privaten Grosseinkauf gemacht, unter anderem einen Anzug für 3.000 Mark. Ich rastete aus.
Ich berief eine Gesellschafterversammlung ein, auch Daniel und Bianca waren stocksauer, vor allem, weil wir auf unser Gehalt verzichtet hatten. In einer tribunalartigen Sitzung konfrontierten wir Karsten mit einem Rauswurf. Ich wollte fair bleiben und bot ihm neben dem Behalten seiner Anteile auch Bargeld und eine monatliche Rente, wenn er sofort abhauen würde. Er war am Boden zerstört, bekam glasige Augen und bat um eine Woche Bedenkzeit. Innerhalb dieser Woche kündigte die Unternehmensberatung unseren Vertrag, so brach auch die Post als Kunde weg. Daniel und Bianca überzeugten mich deshalb, Karsten in der Agentur zu belassen. Wir brauchten jetzt jede verfügbare Kraft für die Neukundenakquise.
Ein Rückblick: Auf dem steilen Weg aufwärts, im Spätsommer 2000, hatten Karsten und ich nach einem guten Termin zwei gleiche Sonnenbrillen gekauft. Sie waren von Giorgio Armani, das Gestell war aus dunkelgoldenem, ölschlammig getigertem Plastik. Die Gläser hatten einen Verlauf und machten das beste Licht, das je durch eine Sonnenbrille geströmt sein muss. Es war orange-oliv; die Brille zeigte eine Welt, in der es nicht schwer fiel, cool zu sein, weil alle Farben so warm waren. Im Sommer 2001 fand ich die Brille zerbrochen in meiner Tasche. Mir war nicht klar, ob ich sie versehentlich kaputtgemacht hatte oder ob Karsten die Brillen vertauschte, weil er seine zerbrach.
Ende Juni 2001 war ich vollkommen erschöpft und hatte insgeheim die Hoffnung auf eine gute Wendung aufgegeben. Ich brauchte etwas Distanz und entschloss mich, meine Freundin zu besuchen, die auf in Gstaad als Promotiongirl für den neuen Passat W8 arbeitete. An einem Freitag nach einem Konzert der “Ärzte“ setzte ich mich in das Auto und raste in Richtung Schweiz. Mir war fast alles egal geworden und ich nahm keinerlei Rücksicht auf mich oder irgendjemanden, ich gab durchgehend Vollgas. Ein Wort ging mir im Kopf herum: Hasardeur, ausgesprochen mit Stolz, Trotz und Ekel von mir selbst. Beim Luftbrücke-Denkmal in Frankfurt, der Morgen graute bereits, flog ich auf der achtspurigen Autobahn mit 285 Stundenkilometern dahin. Von hinten näherte sich eine schwarze, tiefergelegte S-Klasse. Der Fahrer blinkte links, er blinkte mich weg. Angesichts meiner Geschwindkeit fassungslos, musste ich die Spur wechseln, der Mercedes zog deutlich schneller vorbei.
Am Morgen kam ich an der Schweizer Grenze an, kaufte ein Magnet-Länderkennzeichen, das nicht haftete, weil die Karosserie aus Aluminium war. Also kaufte ich einen Aufkleber “D„ und fuhr weiter. Nach einiger Zeit sah ich das Schild, das ich aus Deutschland kannte, die graue, durchgestrichene, Geschwindigkeitsbegrenzung, und beschleunigte wieder auf 240. Ein blauer, getunter Sportwagen folgte mir, hielt auf der rechten Spur kurz meine Höhe, der Fahrer schüttelte entgeistert den Kopf. Am Vormittag, nach 1.450 Kilometern und genau sieben Stunden Fahrt, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 200 km/h, kam ich in Gstaad bei meiner Freundin an. Ich erfuhr, dass in der Schweiz 120 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit gelten und es für Übertretungen drakonische Geldstrafen in fünfstelliger Höhe geben kann.
In Gstaad tat meine Freundin, für die Pressebetreuung zuständig, so, als wäre ich Journalist. Ich nahm an Entspannungskilaufen teil, stieg in die Seilbahn zum Gletscher, zog mich in einem Häuschen von VW um und lief vier Inderinnen im dünnen Seidensari in die Arme, die schlotternd im Schnee standen, hinter sich die grossartige Gebirgskulisse. Ein etwa fünfzigköpfiges Filmteam aus Bollywood drehte im Hochsommer im ewigen Gletschereis eine Filmszene.
Als ich zurück nach Berlin kam, bekannten wir, dass wir den Kaufpreis für die Programmierfirma nicht bezahlen könnten. Die Begeisterung hielt sich in ausgesprochen engen Grenzen, besonders bei Christian, der sein Gehalt für mehrere Monate noch nicht bekommen hatte; man wartete auf den “warmen Geldregen”. Nur mit grösster Mühe und viel Wohlwollen der Geschäftsführung konnten wir die mit der notariellen Urkunde sofort mögliche Pfändung verhindern.
Für unsere e-Learning-Plattform hatten die beiden Wirrköpfe und eigentlichen Gründer inzwischen einen entfernten Bekannten als Finanzier aufgetan. Sie trauten uns aber nicht über den Weg und informierten den potentiellen Geldgeber, der Karsten bei einem Verhandlungsgespräch eine Falle stellte. Er behauptete, er würde das Projekt finanzieren, wenn die ursprünglichen Gründer nicht dabei wären. Karsten druckste etwas herum, ging dann aber auf den Vorschlag ein und versprach, die Wirrköpfe herauszudrängen. Unter einem mit nur wenig Mühe ausgedachten Vorwand “meine Mutter hat so ein schlechtes Bauchgefühl damit") sagte der Geldgeber ab.
Auch unser erster Firmenwagen, der blaue Käfer, den ich mit Karsten im Wechsel mit dem Audi fuhr, verfiel immer mehr. Der Bowdenzug des Gaspedals war gerissen, als kurzfristige Reparatur hatte ich eine Kordel darangeknotet. Zum Gasgeben zog ich und lenkte die Kraft der Schnur mit der Fusspitze um. Die Handbremse und die Rückleuchten waren ebenfalls defekt. Eines Nachts fuhr ich mit dem Käfer von der Agentur nach Hause, als mir jemand von hinten ein Lichtsignal gab. Ein Polizeiwagen. Sie dachten, ich hätte vergessen, das Licht anzuschalten. Es gab nur einen Ausweg: Ich trat mit dem Fuss, der als Umleitung für die Gaskordel diente, gleichzeitg auch noch vorsichtig die Bremse, so dass zwar das Bremslicht leuchtete, aber ich den Motor nicht abwürgte. Es funktionierte. Über fünfhundert Meter mit verkrampftem Fuss schwitzte ich aus allen Poren, dann bogen die Polizisten ab. Am nächsten Tag liess ich den Käfer zur Verschrottung abholen.
Quelle: | by it&w | 11:40 Uhr | 6x Senf Permalink | per eMail versenden |
